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RE: Rassismus.....

in #deutsch2 years ago

Ich bin "typisch deutsch" in einer Kleinstadt in kleinbürgerlicher Umgebung aufgewachsen und davon steckt immer noch verdammt viel in mir drin. In den 80ern habe ich ziemlich engagiert und wollte aktiv gestalten und voranbringen, was ich in meiner Zukunft anders haben wollte: Umwelt, Friedensbewegung, Feminismus.

Rassismus? War kein Thema, war nicht so wichtig. Wieso denn auch mitten im ländlichen Deutschland - da gab es ja niemanden der davon betroffen sein könnte... Aber aus meiner Grundschulklasse ging von den "Gastarbeiterkindern" niemand auf die Realschule, geschweige denn Gymnasium. Und in meiner Oberstufenzeit auf dem Gymnasium gab es nur drei Leute mit "Migrationshintergrund" (2x Türkei, 1x Argentinien) - mit Ärzten als Vater. Und die Kids waren dermaßen assimiliert, das "Ach ja, der kommt ja nicht von hier" fiel erst auf bei Sachen wie "Argentinien gewinnt die WM" wo ein aus zwei Wagen bestehender Autokorso durch die Stadt fuhr.

Diese unbewussten Ansichten, das Schubladendenken meiner Kindheit, diese von klein auf verinnerlichten Vorurteile, wurden mir trotz allem politischen und gesellschaftlichen Engagement erst wirklich bewusst als ich in die Großstadt zog. Und was dieses Nichtbemerken vielleicht noch schlimmer machte: Mir als Frau war ja durchaus bewusst, wie viel unterschwelliger, unbewusster und automatischer Sexismus in unserer Gesellschaft war (und noch ist). Aber der Schritt vom Erkennen solcher Verhaltensmuster zum Erkennen ähnlicher unreflektierter Denkweisen in mir selber und dem Arbeiten daran, das brauchte einige Zeit und einige Arbeit.

Rassismus gibt es nicht nur in Ländern wie den USA oder näher dran in Großbritannien oder Frankreich. Rassismus hat nichts mit Ghetto oder Armut zu tun. Wir im deutschsprachigen Raum leben auf einer Insel der Glückseligen - und der Ahnungslosen, weil uns oft selber nicht bewusst ist was gaaaanz hinten in unserem Kopf abgeht.